Gyokuro – der edelste Grüntee Japans
Gyokuro gilt unter Teekennern als der Höhepunkt japanischer Teekunst. Der Name bedeutet übersetzt „edler Tautropfen" – und das beschreibt ziemlich gut, was dich in der Tasse erwartet: ein Tee von ungewöhnlicher Tiefe, mit einer samtigen Süße und einem ausgeprägten Umami, das man bei keinem anderen Grüntee in dieser Intensität findet.
Was macht Gyokuro so besonders?
Der entscheidende Unterschied liegt in der Beschattung. Etwa drei bis vier Wochen vor der Ernte werden die Teesträucher vollständig mit Netzen abgedeckt – oft in zwei Stufen: In der ersten Phase wird das Sonnenlicht um etwa zwei Drittel reduziert. Nach rund zehn Tagen kommt eine zweite Lage hinzu, die schließlich bis zu 98 % des Lichts abschirmt.
Um zu verstehen, warum das den Geschmack so grundlegend verändert, hilft ein Blick auf die Natur der Teepflanze: Catechine – die Bitterstoffe im Tee – sind eigentlich ein Schutzmechanismus. Die Pflanze bildet sie unter Sonneneinstrahlung, um sich gegen Fressfeinde wie Insekten zu verteidigen. Je mehr Sonne auf die Blätter trifft, desto mehr dieser bitteren Abwehrstoffe produziert der Strauch.
Von Bitterkeit zu Süße und Tiefe
Nimmt man der Pflanze durch die Beschattung das Licht, fährt sie diese Abwehr herunter – sie braucht weniger Schutz und bildet deutlich weniger Catechine. Stattdessen produziert sie vermehrt Theanin, eine Aminosäure, die für den charakteristischen süßen, umamireichen Geschmack verantwortlich ist. Gleichzeitig steigt der Chlorophyll-Gehalt in den Blättern stark an – das erklärt die tiefe, leuchtend grüne Farbe, die einen guten Gyokuro sofort von einem Sencha unterscheidet.
Im Grunde tauscht man durch die Beschattung Bitterkeit gegen Süße und Tiefe ein. Das Ergebnis schmeckt man: Ein Tee, der weich und voll ist – ganz anders als ein kräftiger Sencha. Die Blätter schimmern seidig dunkelgrün und verströmen schon beim Öffnen der Verpackung einen intensiven Duft.
Warum ist Bio-Gyokuro so besonders?
Gyokuro gibt es in Japan in vielen Qualitäten – aber in Bio-Qualität ist er eine echte Seltenheit. Der Grund: Die wochenlange Beschattung ist enormer Stress für die Teepflanze. In konventionellen Teegärten werden die Sträucher mit mineralischem Kunstdünger gestärkt, sodass sie die Beschattungsphase kräftiger überstehen. Im Bio-Anbau fehlt dieses Hilfsmittel. Die Pflanzen sind auf ihre eigene Widerstandskraft angewiesen und brauchen ein intaktes ökologisches Gleichgewicht im Garten, um die Belastung zu verkraften.
Das ist auch der Grund, warum erfahrene Teemeister wie Shigeru Morimoto bewusst zwischen verschiedenen Strauchvarietäten wechseln – je nach Jahrgang wird die Sorte gewählt, die den Stress der Beschattung am besten verträgt. Gyokuro wird zudem nur einmal im Jahr geerntet, im Frühjahr, und die Erntemengen sind klein. All das macht einen Bio-Gyokuro deutlich aufwendiger in der Herstellung als sein konventionelles Gegenstück.
Gyokuro, Sencha & Kabusecha im Vergleich
Sencha
Keine Beschattung
· Frisch, klar, leicht herb
· Mittlerer Theanin-Gehalt · Ideal für jeden Tag
Kabusecha
1–2 Wochen beschattet
· Mild-süß, ausgewogen
· Erhöhter Theanin-Gehalt · Ideal für Genießer
Gyokuro
3–4 Wochen voll beschattet
· Süß, umami, samtig
· Sehr hoher Theanin-Gehalt
· Ideal für besondere Momente
Gyokuro richtig zubereiten
Gyokuro verlangt etwas mehr Aufmerksamkeit als andere Grüntees – und belohnt dich dafür mit einem Geschmackserlebnis, das seinesgleichen sucht.
Dosierung: ca. 1 gehäufter Teelöffel auf 100 ml Wasser.
Wassertemperatur: 55–60 °C – deutlich kühler als bei Sencha. Zu heißes Wasser macht den Tee bitter und zerstört die feinen Aromen.
Ziehzeit: 90–120 Sekunden für den ersten Aufguss. Der zweite Aufguss gelingt mit etwas heißerem Wasser (65 °C) und kürzerer Ziehzeit (60 Sekunden). Drei bis vier Aufgüsse sind problemlos möglich.
Kein Thermometer parat? Kein Problem – bei einem Liter Wasser dauert es nach dem Aufkochen etwa 8 bis 9 Minuten, bis die Temperatur auf 60 °C gesunken ist. Wer einen Wasserkocher mit einstellbarer Temperatur hat, kann das Wasser auch direkt auf 60 °C erhitzen.
Morimoto Gyokuro
Ein kraftvoller Gyokuro mit einem milden, süßen Aroma.
Haruyo & Shigeru Morimoto bauen diesen Tee auf der Insel Kyūshū im Süden Japans an – in einem Teegarten, der seit über 50 Jahren biologisch bewirtschaftet wird.
Shigeru Morimoto verarbeitet die Blätter in der eigenen Produktionsanlage, die er fast ausschließlich zusammen mit seiner Frau Haruyo betreibt.
Ookawa Uji Gyokuro
Ein besonders hochwertiger Gyokuro aus der berühmten Teeregion Uji bei Kyoto. Die Familie Ookawa stellt dort seit Ende der Edo-Zeit Tee her – mittlerweile in sechster Generation.
Die Region Uji gilt als die Wiege des japanischen Teeanbaus und bringt dank mineralreicher Böden und nahezu frostfreiem Klima einige der feinsten Gyokuros der Welt hervor. Dieser Tee überzeugt mit dezenten Aromen frischer Walnuss und einem ausgewogenen, eleganten Charakter.
Häufige Fragen zu Gyokuro
Was bedeutet Gyokuro auf Deutsch?
Was bedeutet Gyokuro auf Deutsch?
Gyokuro bedeutet übersetzt „edler Tautropfen". Der Name stammt ursprünglich von der Form der Teenadeln, die bei der Verarbeitung früher wie kleine runde Tautropfen geformt wurden.
Was ist der Unterschied zwischen Gyokuro und Sencha?
Was ist der Unterschied zwischen Gyokuro und Sencha?
Beide sind japanische Grüntees, aber Gyokuro wird drei bis vier Wochen vor der Ernte beschattet, während Sencha in der vollen Sonne wächst. Durch die Beschattung bildet Gyokuro weniger Bitterstoffe und mehr Theanin – das macht ihn süßer, milder und reicher an Umami als Sencha.
Warum ist Gyokuro teurer als Sencha?
Warum ist Gyokuro teurer als Sencha?
Die Beschattung ist sehr arbeitsintensiv und stresst die Teepflanzen stark. Gyokuro wird nur einmal im Jahr in kleinen Mengen geerntet, und im Bio-Anbau ist die Herstellung besonders anspruchsvoll. All das macht Gyokuro zu einer der seltensten und aufwendigsten Teesorten Japans.
Wie bereite ich Gyokuro richtig zu?
Wie bereite ich Gyokuro richtig zu?
Verwende ca. 1 Teelöffel Tee auf 100 ml Wasser bei 55–60 °C. Der erste Aufguss zieht 90–120 Sekunden. Wichtig: Nie kochendes Wasser verwenden – das macht den Tee bitter. Drei bis vier Aufgüsse sind problemlos möglich, wobei jeder Aufguss einen etwas anderen Charakter zeigt.
Enthält Gyokuro Koffein?
Enthält Gyokuro Koffein?
Ja, Gyokuro hat sogar einen relativ hohen Koffeingehalt – höher als die meisten anderen Grüntees. Durch den hohen Theanin-Gehalt wirkt das Koffein jedoch sanfter und anhaltender als bei Kaffee. Viele beschreiben die Wirkung als wach und fokussiert, ohne nervös zu machen.


